Ich bin ein Berblinger 2020

In der Vorbereitung des Musicals „Ich bin ein Berblinger“ haben wir mit vielen Menschen gesprochen. Je weiter weg von Ulm, umso weniger ist das Wissen über diesen Berblinger (besser bekannt als „Schneider von Ulm“) verbreitet. Noch ist schon durchgedrungen was es mit „Berblinger 2020“ in Ulm auf sich hat. Darum hier ein kurzer Überflug über die teils historischen Hintergründe.

Berblinger – eine tragische Figur

Einer der berühmten Söhne Ulms, neben dem oft aufgeführten Albert Einstein ist Albrecht Ludwig Berblinger. Im Unterschied zu Einstein lebte und wirkte dieser allerdings hauptsächlich in Ulm, mit Ausnahme eines Intermezzos als Soldat in Napoleons Armee.  Ja – das war vor einer ganzen Weile:  Am 24.Juni 2020 wird es 250 Jahre her sein, dass der Ulmer sein Leben begann.  So richtig viel Glück hatte dieser „Schneider von Ulm“ zeitlebens nicht. Nicht nur das es heißt, dass er den Beruf des Schneiders nur notgedrungen ergriff. Immer schon an Mechanik interessiert, wollte er eigentlich Uhrmacher werden.  Nie brachte der ungeliebte Beruf dem Ulmer genug ein, um eine große Familie zu ernähren.
In Ulm zu wohnen war zur Zeit der napoleonischen Kriege auch kein Zuckerschlecken. Ulm war Durchzugsgebiet für verschiedene Armeen, mit all den damit verbundenen unangenehmen Begleiterscheinungen bis zur Rekrutierung für den Russlandfeldzug des französischen Kaisers.

Der Schneider von Ulm wird der Flieger von Ulm

Die andere Seite des Albrecht Ludwig Berblinger ist die eines Pioniers. Die Idee, dass der Mensch durch die Lüfte fliegen könne, war dabei nicht nur der Spleen eines Schneiders aus Ulm. Es war quasi der heiße Scheiß dieser Zeit. Mit allen möglichen Apparaturen, wie zum Beispiel Heißluftballonen, versuchten sich die Menschen am Aufsteigen und Abstürzen. So machte auch Berblinger keine Ausnahme, der einen durchaus flugfähigen Gleitflieger konstruiert hatte.
Über die Donau von Ulm nach Neu-Ulm sollte der Flug des Schneiders gehen. Von einem Gerüst, das an der Ulmer Adlerbastion aufgestellt wurde, musste Berblinger ausgerechnet vor dem württembergischen König sein Können beweisen.  Aus dem Beweis wurde nichts – Berblinger fiel in die Donau, danach in Ungnade und wurde in den folgenden Jahren als der Spinner aus Ulm gehandelt, der nicht wusste, wo sein Platz im Leben war: „Der Schneider bleibe bei der Nadel / Der Schuster bleib den Leisten treu / So lebt ein jeder ohne Tadel / Und bleibt von Schimpf und Vorwurf frei.“

Späte Rehabilitierung des Albrecht Ludwig Berblinger

Viel später wurde klar, dass Berblinger seinen Misserfolg Umständen verdankte, die keiner seiner Zeitgenossen auf der Rechnung hatte. 1952 beschäftigte sich ein gewisser Otto Schwarz mit den thermischen Verhältnissen an der Adler Bastei zu Ulm. Die sind so, dass sie zum Absturz führen mussten. 1986 versuchten es im Rahmen eines Flugwettbewerbs 30 Flieger dem Schneider von Ulm nachzutun. Selbst moderne Flugdrachen stürzten ab, nur einem Fluggerät aus modernstem Material gelang es. Der Pilot verletzte sich dabei schwer.

„Berblinger 2020“ in Ulm

Mittlerweile hat Ulm aufgehört, sich für seinen Schneider zu schämen. Erfindergeist, Ingenieurskunst und Mut zum Risiko lassen die Ulmer heute Albrecht Ludwig Berblinger als frühen Paten für eine Universitätsstadt feiern, die sogar (nominell) über zwei Wissenschaftsstädte verfügt.  
2020 ist Anlass genug, den Geburtstag des verlorenen Ulmer Sohnes zu feiern. Mit einer ultimedia Show, einem Flug von der Mündung bis zur Quelle der Donau mit einem emissionsfreien Flugzeug, einem Innovationswettbewerb, Theater, Konzerte und einem eigens für „Berblinger 2020“ produziertem Musical.

Der andere Berblinger

2020 interessieren uns, als Macher des Musicals, allerdings die Brüche, die im späten Nachfahren des Schneiders von Ulm fortleben. Weder die Karikatur, noch der Held sind der Gegenstand von „Ich bin ein Berblinger“. Es geht um das Wollen, Können, Scheitern und Erreichen. Es geht um das breite Grinsen, dass Gegenwind einem manchmal ins Gesicht presst. Und überhaupt:
Reine Überflieger sind gut für flottes Marketing, aber nicht für gute Geschichten. 

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